Maler.org Icon
Putz und Verputzen

Putz & Verputzen: Das Maler.org Experteninterview

Simone Blaß
Verfasst von Simone Blaß
Zuletzt aktualisiert: 27. Mai 2026
Lesedauer: 8 Minuten
© ba11istic / istockphoto.com

Putz ist weit mehr als nur ein Untergrund für Farbe oder Tapete. Er schützt Bauteile, trägt zum Brand-, Schall- und Wärmeschutz bei und beeinflusst auch das Raumklima. Dabei ist Putz nicht gleich Putz: Neben mineralischen Systemen kommen auch organische pastöse Putze zum Einsatz, verarbeitet in zahlreichen Spezial- und Gestaltungstechniken. Welche Bedeutung das Material in der Baupraxis hat, zeigt auch die aktuelle Marktstatistik des Verbands für Dämmsysteme, Putz und Mörtel e. V. (VDPM): Für 2025 weist sie immerhin noch einen Trockenmörtel-Gesamtmarkt von rund 5,8 Millionen Tonnen aus, darunter auch Putzmörtel für den Innen- und Außenbereich. Der Verband setzt sich dafür ein, ökologische Anforderungen, technische Machbarkeit und wirtschaftliche Vernunft miteinander zu verbinden. Ziel ist eine Bauweise, die praxistauglich bleibt und den Bedürfnissen heutiger wie künftiger Generationen gerecht wird. Dipl.-Ing. Antje Hannig, Geschäftsführerin Marketing und Technik im VDPM, erklärt, dass moderne Putze mehr können als nur gut auszusehen.  


Dipl.-Ing. Antje Hannig, Geschäftsführerin für Marketing und Technik beim Verband für Dämmsysteme, Putz und Mörtel e.V. (VDPM)

ÜBER UNSERE PUTZ-EXPERTIN

Dipl.-Ing. Antje Hannig ist Geschäftsführerin für Marketing und Technik beim Verband für Dämmsysteme, Putz und Mörtel e.V. (VDPM). Der VDPM vertritt Hersteller aus den Bereichen Wärmedämmung, Putz und Mörtel und setzt sich für die fachliche, technische und politische Interessenvertretung der Branche ein.

Bildrechte: Dipl.-Ing. Antje Hannig/VDPM


Wenn man über das Verputzen spricht, fällt häufig der Begriff der ‚atmenden Wand‘. Was ist denn damit gemeint?

Der Begriff ist etwas umstritten, aber wenn man es bauphysikalisch nicht zu kompliziert machen möchte, dann ist das eine relativ einfache und vor allem anschauliche Erklärung für die sogenannten offenen dampfdurchlässigen Systeme. Solche Putze können Feuchtigkeit aufnehmen und wieder an die Raumluft abgeben, sie wirken dadurch raumklimaregulierend. 

Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang der Schichtaufbau?

Sehr wichtig. Schon wenn nur eine Schicht nicht stimmt, kann es problematisch werden. Wird eine Wand versiegelt und funktioniert das System dadurch nicht mehr richtig, beeinträchtigt das den Feuchtigkeitstransport. Das kann einerseits zu Schäden führen und andererseits auch das Raumklima negativ beeinflussen, beispielsweise durch Schimmelbildung.

Putz sollte also immer als Gesamtsystem gedacht werden? 

Ja, das ist ein zentraler Bestandteil unserer Leitlinien für das Verputzen von Mauerwerk und Beton. Dort beschreiben wir genau, worauf zu achten ist und welche Bedeutung beispielsweise der Armierungsputz hat, um spätere Risse oder Abplatzungen zu vermeiden. 



Welche Untergründe machen denn in der Praxis die meisten Probleme?

Meist sind es die Altuntergründe, vor allem dann, wenn man nicht genau weiß, um welches Material es sich handelt oder wenn die Flächen stark verschmutzt sind. Deshalb ist eine gründliche Untergrundprüfung besonders wichtig, damit die richtigen Maßnahmen zur Vorbereitung und Vorbehandlung getroffen werden können. 

Muss dann erst einmal alles entfernt und neu aufgebaut werden? 

Nicht unbedingt. Dafür gibt es keine pauschale Lösung. Das hängt immer vom konkreten Erscheinungsbild ab und sollte unbedingt von einem Fachmann vor Ort beurteilt werden. 

Kann ein Bauherr eigentlich erkennen, ob vom ausführenden Betrieb beim Verputzen die notwendigen Normen eingehalten werden?

Natürlich sollte ein Bauherr darauf achten, dass der Fachhandwerker normative Produkte am besten von Markenherstellern verwendet. Ob allerdings auch normgerecht gearbeitet wird, ist für Laien nur schwer zu erkennen. Hinzu kommt, dass wir in Deutschland – was eher ungewöhnlich ist – sowohl eine europäische Verarbeitungsnorm als auch eine deutsche Zusatznorm haben. Genau deshalb erarbeiten wir als Verband Merkblätter und stellen Leitlinien zur Verfügung. Damit können wir eine wichtige Orientierung bieten. Entscheidend ist aber vor allem, mit qualifiziertem Fachhandwerk zusammenzuarbeiten und Referenzen einzuholen. Auch deshalb, weil es abgesehen von der üblichen Bauabnahme keine entsprechenden Kontrollen gibt.

Früher galt Kunstharzputz als zweite Haut des Hauses. Hat sich hier etwas verändert?

Auch wenn der Begriff „Kunstharzputz“, fachlich schon seit vielen Jahren als ‚pastöser Putz‘ bezeichnet, bei vielen noch das Bild einer undurchlässigen Schicht hervorruft, ist diese Vorstellung längst überholt. Pastöse Putze sind ebenfalls diffusionsoffen und daher genauso gut für Wandaufbauten geeignet. Auch sie können Feuchtigkeit regulieren. Deshalb haben Hersteller verschiedene Strategien entwickelt, um den Feuchtigkeitshaushalt im Putzsystem zu steuern. Der Begriff „Kunstharz“ weckt schnell falsche Assoziationen und wird der heutigen Einordnung dieser Putzgruppe nicht mehr gerecht. Die Bezeichnung ‚pastöser Putz‘ ist neutraler, fachlich präziser und vermeidet Vorurteile von Anfang an.

Was unterscheidet denn mineralische von pastösen Putzen?

Der größte Unterschied liegt im Bindemittel und in der Verarbeitung. Ausgangsbasis ist sogenannter Trockenmörtel, der in Säcken oder Silos auf die Baustelle kommt und unter Wasserzugabe mit einer Putzmaschine oder von Hand verarbeitet wird. Pastöse Putze auf Basis von Dispersionen, Siliconharz oder Silikatbindemittel werden verarbeitungsfertig im Eimer oder Silo auf die Baustelle geliefert. Viele Maler- und Stuckateurbetriebe arbeiten heute mit beiden Systemen, je nach Kundenwunsch. 

Welche falsche Annahme über Putz begegnet Fachleuten immer wieder?

Am häufigsten hört man noch, dass organischer Putz unangenehm riechen würde. Das ist allerdings ein Mythos von vorgestern. Heute merkt man keinen Unterschied mehr.

Wäre es theoretisch möglich, einen Außenputz innen aufzutragen?

Grundsätzlich ja. Außenputze könnten prinzipiell auch im Innenbereich verwendet werden, auch wenn sie anders formuliert sind als klassische Innenputze. Im Innenbereich kommen vorwiegend Gipsputze zum Einsatz, welche für die Außenanwendung allerdings nicht geeignet sind. Es gibt aber auch spezielle Mauermörtel auf Gipsbasis, die etwa bei denkmalgeschützten Gebäuden eingesetzt werden. Grundsätzlich empfiehlt es sich jedoch, Systeme zu verwenden, die exakt auf die jeweiligen Anforderungen abgestimmt sind. Wer sich hierfür näher interessiert, kann sich auf der Webseite unsere Leitlinien oder unseren Außenwandratgeber herunterladen. Die Leitlinien wenden sich zum Beispiel an Architekten, Planer und ausführende Handwerksbetriebe und beschreiben das Verputzen von Außenwänden, Innenwänden und Decken. Der Außenwandratgeber richtet sich insbesondere an interessierte Bauherren und Mieter und beschreibt alle Möglichkeiten, wie der Wärmeschutz von Außenwänden realisiert werden kann.

Gibt es eigentlich ein Pendant zu den Qualitätsstufen Q1 bis Q4 auch im Außenbereich? 

Nein, solche Qualitätsstufen gibt es im Außenbereich nicht. Sie beziehen sich ausschließlich auf Putzoberflächen im Innenbereich und werden in der Regel nur dann ausgeführt, wenn ein Planer sie ausdrücklich ausschreibt, beispielsweise weil besonders hohe Anforderungen an die Ebenheit der Wände bestehen. 

Lehmputz gilt als besonders ökologische Alternative. Wird er langfristig den Gipsputz im Innenbereich ablösen?

Lehmputz wird aufgrund seiner Eigenschaften zwar immer beliebter, momentan würde ich hier aber trotzdem eher von einer modernen wachsenden Nische sprechen.

Wo passieren denn eigentlich die meisten Fehler beim Verputzen?

Die meisten Fehler entstehen dann, wenn Temperaturbereiche nicht eingehalten werden, also wenn es im Sommer zu heiß oder im Winter zu kalt ist. Schwierigkeiten entstehen außerdem, wenn die einzelnen Komponenten eines Systems nicht richtig aufeinander abgestimmt sind. Wer als Bauherr auf Nummer sicher gehen möchte, sollte das gemeinsam mit dem Fachhandwerker abstimmen und möglichst ein komplettes System eines Herstellers verwenden, bei dem alle Komponenten aufeinander abgestimmt sind.

Welche Rolle spielt das Armierungsgewebe?

Das Armierungsgewebe ist ein vollflächiges Gewebe innerhalb der Armierungsputzlage. Mit einem Armierungsputz mit Gewebeeinlage auf einem Leichtputz wird eine weitgehende Entkopplung der oberen Putzlagen vom Untergrund erreicht. Dadurch können auftretende Spannungen im Putzsystem aufgefangen und verteilt werden. Zwingend notwendig ist eine Armierungsputzlage zwar nicht in jedem Einzelfall, aber in der modernen Baupraxis ist sie fast schon Standard. Wärmedämm-Verbundsysteme an der Außenfassade werden grundsätzlich mit Armierungsputz und -gewebe ausgeführt.

Wo würden Sie persönlich beim Putz nicht sparen?

Ich würde auf keinen Fall beim richtigen Putzaufbau und bei der Ausführung sparen. Wenn etwa auf die Armierungsputzlage verzichtet wird oder die einzelnen Schichten nicht aufeinander abgestimmt sind, kann das langfristig teuer werden, zum Beispiel weil Risse entstehen. Auch bei der Bauzeit sollte man nicht sparen. Werden notwendige Trocknungszeiten nicht eingehalten, entstehen häufig Probleme. 



Es gibt ja zahlreiche Verarbeitungstechniken. Lassen sich hier Trends erkennen?

Der am häufigsten eingesetzte Putz ist wahrscheinlich der feingeriebene Putz, unter anderem aus wirtschaftlichen Gründen. Gleichzeitig erleben aber auch traditionelle Techniken wieder mehr Aufmerksamkeit, etwa Besenstrich- oder Kammputze. Immer mehr Auftraggeber schätzen dabei die sprichwörtliche Handwerks-Leistung der Fachunternehmen.

Welche außergewöhnlichen Eigenschaften kann Putz haben?

Putz erfüllt immer zwei Hauptaufgaben: Schutz und Optik. Viele Putze können heute aber deutlich mehr. Wärmedämmputze etwa verbessern die Energiebilanz von Wandkonstruktionen. Es gibt Putze, die CO₂ binden und damit einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Andere können Schadstoffe aus der Raumluft aufnehmen. Solche Systeme kommen etwa in Kindergärten, Krankenhäusern oder Altenheimen zum Einsatz, also überall dort, wo besonders sensible Menschen geschützt werden sollen. In diesem Bereich gibt es bei unseren Mitgliedern spannende Entwicklungen und viel Forschungsarbeit, sowohl im Verband selbst als auch bereits bei unserem Vorgängerverband, dem Industrieverband WerkMörtel e. V. (IWM).

Unter #putzpoesie, unter anderem zu finden auf Instagram, zeigen Sie, was Putz alles kann … 

Ja, und das kommt tatsächlich sehr gut an. Auf unterschiedlichen Plattformen führen wechselnde ‚Putzpoeten‘ verschiedene Putzobjekte, Strukturen und Haptiken vor. Durch die Komposition von Struktur, Farbe und Handwerkskunst entstehen zum Teil sehr faszinierende Putzfassaden, mit denen wir zeigen möchten, welche Schönheit im Putz stecken kann. Gleichzeitig wollen wir damit aber auch zum Beispiel junge Architekten ansprechen und ihnen die gestalterische Qualität und die Möglichkeiten von Putz näherbringen.

Über unsere*n Autor*in
Simone Blaß
Simone Blaß ist ausgebildete Journalistin mit über 30 Jahren Berufserfahrung und langjähriger Spezialisierung auf Bau-, Renovierungs- und Handwerksthemen. Als Senior Online-Redakteurin bei Maler.org, einem spezialisierten Online-Fachportal rund um das Malerhandwerk, berichtet sie fundiert über moderne Oberflächengestaltung. Das umfasst die energetische Fassadendämmung genauso wie Schimmelsanierung und Innenraumgestaltung. Ihre Inhalte verbinden journalistische Sorgfalt mit eigener Praxiserfahrung aus der Sanierung zweier Reihenhäuser. Durch regelmäßige Interviews mit Fachbetrieben und Branchenexperten stellt sie sicher, dass ihre Beiträge fachlich fundiert, verständlich und direkt anwendbar sind.